Pfarrer Karl Sendker

Predigten - Hilfen zur Bibelarbeit

Gottesdienste - geistliches Leben

 

3. Advent A
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Predigten

Predigtverzeichnis  nach Bibelstellen geordnet

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Predigt zur 1. Lesung:   Jes 35,1-6a.10

Predigt zur 2. Lesung:    Jak 5,7-10

Predigt zum Evangelium:    Mt 11,2-6

Predigttext:      Jes 35,1-6a.10

 

Dies ist die 3. Predigt einer fünfteiligen Predigtreihe mit dem Thema: "Bilder der Hoffnung"

 

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Ein unglaubliches Bild der Hoffnung: Eine Wüste, die blüht wie ein Garten; eine Steppe, die jubelt, weil sie blühen kann. Für die Menschen in Israel ist dieses Bild ein sehr sprechendes Bild. Ich selbst war noch nie in Israel, aber Israelpilger haben es mir erzählt, dass es das tatsächlich gibt, dass auf der einen Seite am Tag vorher noch Wüstensand da war, und wenn dann ein Regenschauer kam und man einen Tag später mit dem Bus durch diesen Wüstensand fuhr, dass es dann überall gegrünt und gesprießt hat, und wie gleichsam die Wüste geblüht hat.

Die Wüste ist normalerweise Ödland. Die Wüste ist geradezu ein sprechendes Bild: Da wächst nichts mehr, da darf man nichts mehr erwarten, da ist alles leblos, da ist Leben nicht möglich, da ist alles tot.

Und genau so ist sich das Volk Israel vorgekommen, wie in einer Wüste. Wahrscheinlich ist dieses Kapitel 35 beim Propheten Jesaja entstanden, als Israel in der babylonischen Gefangenschaft, im Exil in Babylon war, auf dem Tiefpunkt seiner nationalen Geschichte. Sie hatten ihre Hoffnung verloren. Der Tempel war zerstört, das Land war verwüstet, sie waren nach Babylon verschleppt worden In all dem steckt ja auch dieses Bild von der Wüste. Es bestand keinerlei Hoffnung mehr für das Volk.

Und in diese Situation hinein fängt Gott an zu reden. Er sagt: Wenn ihr meint: Es gibt keine Hoffnung mehr, es ist alles verwüstet, alles tot, nichts mehr lebendig, dann sage ich euch: Gerade da, wo alles tot ist, da will ich etwas Neues schaffen. Da soll die Wüste zu einem blühenden Garten werden.

Kein Mensch in Israel, das ja in der babylonischen Gefangenschaft war, konnte sich vorstellen, wie das gehen sollte. Aber dann hat Gott einen heidnischen König benutzt, den Perserkönig Cyrus. Ausdrücklich steht beim Propheten Jesaja im 45. Kapitel dabei, das Cyrus ein König ist, der Gott nicht kennt. Und dieser heidnische König spürt in sich den Impuls, den Gott ihm ins Herz gegeben hatte, dass er das Volk Israel zurückkehren lassen soll, nach Jerusalem, zum Zion.

Wie heißt das hier am Ende unseres Textes: „Die vom Herrn Befreiten kehren zurück und kommen voll Jubel nach Zion.“ Was sich keiner vorstellen konnte, das war geschehen. Israel wird befreit aus der babylonischen Gefangenschaft, aus dem Exil, und darf wieder zurückkehren.

Es ist im tiefsten eine politische Botschaft, wenn da von einem blühenden Garten die Rede ist. Ich habe zum ersten Mal über diese Lesung gepredigt im Advent 1986. Damals, 1986 waren die kommunistischen Regime im Ostblock noch so fest gefügt. Ein Generalsekretär Breschnew hatte die Zügel der Macht fest in der Hand. Ich habe die Predigt von damals noch einmal abgehört. Damals habe ich in der Predigt von 1986 gesagt: „Wenn Gott im Alten Testament einen heidnischen König Cyrus gebrauchen konnte, um die politische Lage im damaligen Orient zu wenden, warum soll Gott nicht heute einen kommunistischen Führer gebrauchen können, um heute die Lage in der Welt zu ändern?

Es hat nur wenige Jahre gedauert, dann hat Gott einen kommunistischen Führer Gorbatschow dazu benutzt, um die Lage der Welt total zu verändern. Wir alle sind ja Zeugen dieser Ereignisse gewesen, wie plötzlich innerhalb von kürzester Zeit aus dem Gegensatz von Ost und West schon fast ein Miteinander geworden ist.

Gott kann Unmögliches möglich machen, und er kann politische Verhältnisse ändern, die scheinbar fest zementiert sind.

Israel hat das im Laufe seiner Geschichte immer wieder erlebt. Da zieht Israel aus Ägypten; Mose führt das Volk. Wiederum eine Wüstenerfahrung. Sie stehen vor dem Roten Meer, rechts und links die Wüste. Und auf einmal entdecken sie, dass die Ägypter hinter ihnen her jagen. Es bestand keine Chance, durchzukommen. Und dann hat Gott in dieser Wüste einen Weg. Er sagt zu Mose: „Streck deine Hand aus.“ Und es kam ein starker Ostwind, das Wasser teilte sich, und Israel zog trockenen Fußes durch das Rote Meer.

Jahrhunderte später, wir lesen das auch beim Propheten Jesaja im Kapitel 36. und 37. Kapitel. Da zieht der assyrische Feldherr Sanherib gegen Jerusalem und will Jerusalem erobern. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis diese unglaubliche Übermacht der Assyrer in Jerusalem eindringt. Der assyrische Feldherr macht den König in Jerusalem in einem Brief lächerlich. Und der König Hiskia nimmt diesen Brief und geht in den Tempel Gottes, und breitet ihn vor Gott aus. Und dann bekommt der Prophet Jesaja den Auftrag, zum König hinzugehen. Der Prophet Jesaja sagt dem König: Hab keine Angst! Die Assyrer werden nicht in diese Stadt hineinkommen, Ja es wird noch nicht einmal ein Pfeil in die Stadt hineingeschossen.

Keiner konnte sich das vorstellen, wie das gehen sollte. Aber Gott hat eingegriffen, möglicherweise durch eine Seuche, die im Lager der Assyrer ausgebrochen ist. Sie mussten Hals über Kopf die Belagerung aufgeben. Unser Gott kann! Auch wenn wir menschlich manchmal sagen: Es ist alles Wüste, es ist alles tot, es ist alles zementiert, da wächst nichts mehr. Unser Gott kann gerade diese Wüste wieder neu zum Erblühen bringen.

 

Ein zweiter Gedanke in diesem Zusammenhang. Hier steht mitten in dieser Lesung: „Macht die erschlafften Hände wieder stark und die wankenden Knie wieder fest, und sagt den Verzagten: Habt Mut, fürchtet euch nicht!“

Ich glaube, das ist eine Botschaft auch gerade für die Situation der Kirche heute in Deutschland. Wie viel Resignation gibt es in unseren Kirchen. Wie viele Jugendliche haben mir gesagt: In unserer Gemeinde ist alles so tot, es lebt nichts mehr, es ist alles erstarrt. Man könnte auch sagen: es ist alles Wüste. Auf der anderen Seite treten immer wieder Menschen aus der Kirche aus, die Zeitungen berichten ständig darüber. Und es zieht so furchtbar runter, wenn man die Kirche aus dieser Perspektive betrachtet: Es kommen „noch …“. Wenn ich das Wort „noch“ schon höre, das zieht so runter.

Angesichts dieser Tatsache, dass viele vor allem Jüngere den Eindruck haben, es ist alles so tot in der Kirche, da sagt Gott: Gut, wenn du den Eindruck hast es ist alles tot, dann denk daran, ich kann aus toten Steinen etwas Lebendiges machen. Ich kann die Wüste zum Blühen bringen. Ich habe im Mittelalter, als die Kirche auch erstarrt war, einen Franziskus erweckt, und habe die Kirche zu einer ganz neuen Blüte gebracht. Und ich kann das auch heute tun. Rechne damit!

Beim Propheten Jesaja gibt es im Kapitel 43 eine Stelle, die mich schon immer unheimlich angesprochen hat. Das ist auch ein Wort das in die Resignation hineinspricht. Gott sagt dort: „Seht, ich schaffe Neues, merkt ihr es nicht? Seht, es sprosst schon auf. Fürwahr, ich schaffe in der Wüste einen Weg.“ Seit mir zum ersten Mal Gott dieses Wort ins Herz gehämmert hat: Seht, ich schaffe Neues, es sprosst schon auf, merkt ihr es nicht?, habe ich angefangen, darauf aufzumerken, wo Gott etwas Neues sprießen lässt.

Gut, es gibt viel Verwüstung, es gibt viel Leere und Öde bei uns in der Kirche. Aber du kannst an ganz vielen Stellen auch sehen, dass Gott etwas aufsprießen lässt. Ich denke an die vielen neuen geistlichen Bewegungen. Ich denke daran wie viele Menschen an Exerzitien und Einkehrtagen teilnehmen. Wie viele Menschen wieder neu angefangen haben, sich dem Wort Gottes zuzuwenden. Dass es in vielen Gemeinden Anbetungsgruppen und Lobpreisgruppen gibt. Die sind noch nicht riesig, aber Gott hat ja auch gesagt: Es sprosst schon auf. Es sind kleine Sprießlinge, aber sie wachsen. Und achte auf diese Sprießlinge.

Ich denke daran, gerade auch wie viel jüngere Leute zu Katholikentagen, zu Kirchentagen fahren. Da steckt doch eine Sehnsucht dahinter, da lässt Gott etwas Neues wachsen. Und vielleicht ist ja auch die Tatsache, dass wir seit einigen Jahren einen katholischen Radiosender haben wie Radio Horeb, in Hinweis, dass Gott etwas Neues aufsprießen lässt. Wir dürfen von Gott uns die Augen öffnen lassen für die Dinge, die er sprießen lässt, und wo die Wüste anfängt zu blühen.

 

Noch einen dritten Gedanken in diesem Zusammenhang. Da heißt es hier in unserer Lesung: „Dann werden die Augen der Blinden geöffnet, die Ohren der Tauben sind wieder offen, dann springt der Lahme wie ein Hirsch, die Zunge des Stummen jauchzt auf.“

Hier ist der ganz persönliche Bereich des Menschen angesprochen; hier geht es um Krankheiten. Und auch hier will uns dieses Wort in einer ganz radikalen Weise Mut machen. Heute ist das doch so: Wenn du mit einer Krankheit zum Arzt gegangen bist, und der Arzt hat dir gesagt: da kann ich ihnen mit Pillen oder mit einer Operation nicht mehr helfen, das ist ein hoffnungsloser Fall. Wie schnell sind wir dann geneigt, die Flinte ins Korn zu werfen. Dann kann man eben nichts mehr machen.

Vielleicht hängt man ein geistliches Mäntelchen drum und sagt: Das ist eben mein Kreuz, das ich tragen muss. Aber denk immer daran: Wo wir Hoffnungslosigkeit sehen, da sagt Gott: Ich lasse etwas Neues aufblühen.

Warum rechnen wir nicht mehr mit einem Gott, der auch heute noch Kranke heilt, auch da und gerade da wo die Ärzte gesagt haben: wir können nichts mehr machen? Unser Gott kann! Überall dort, wo wir Wüste haben in unserem Leben, ob das Krankheiten sind, ob das sündhafte Veranlagungen sind, ob das die Sorge um die Kinder ist  ... Wie viele hoffnungslose Situationen gibt es in unserem Leben. Lass dich darauf ein: Gott kann eingreifen, er kann gerade da, wo Wüste ist, Blühendes schaffen.

Allerdings auf eins möchte ich ihr Augenmerk auch lenken, das ist vielleicht für uns ganz wichtig. Da heißt es mitten in unserer Lesung: „Seht, hier ist euer Gott!“ Es ist entscheidend, wohin wir sehen. Wenn du nur auf die widrigen Umstände schaust, auf die Wüste, dann wirst du immer irgendwann resignieren. Aber wenn du es gelernt hast, statt auf die widrigen Umstände auf einen Gott zu schauen, dem kein Ding unmöglich ist, dann wird das zutreffen, was am Ende steht: Dann wird Jubel in deinem Herzen aufbrechen, dann wird die Wüste und das trockene Land sich freuen.  Amen.

 

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Predigttext:    Jak 5,7-10

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Es wird nur noch wenige Tage dauern, dann kommen die kleinen Kinder bei der Mama angelaufen und fragen: „Mama, wie oft müssen wir denn noch schlafen, bis das Christkind kommt?“ Und wie oft muss dann wohl in den nächsten Tagen eine Mutter den Kindern sagen: „Ihr müsst noch ein bisschen Geduld haben.“ Und je näher der Heiligabend heranrückt, umso weniger können die Kinder den Heilig Abend erwarten. Sie haben eine ganz brennende Erwartung; sie können es gar nicht mehr abwarten, bis dann endlich am Heiligabend das Weihnachtszimmer aufgeschlossen wird.

 

So eine brennende Erwartung hatten damals die ersten Christen in Bezug auf die Wiederkunft Christi. Sie haben fest damit gerechnet, dass Jesus noch zu ihren Lebzeiten wiederkommt als der König der Könige mit großer Macht und Herrlichkeit. Sie haben erwartet: Wir alle werden mit ihm herrschen, wenn er wiederkommt. Keiner hat damit gerechnet, dass er eventuell sterben würde, bevor Christus wiederkommt. Wie die Kinder vor Weihnachten haben sie eine brennende Erwartung gehabt: Wann kommt er denn endlich?

Und dann ging ein Jahr ins Land, dann gingen zehn Jahre ins Land, dann sind die ersten Gemeindemitglieder gestorben, und Christus war immer noch nicht wiedergekommen. Und je länger die Zeit wurde, um so mehr wurde das für die ersten Christen zu einer großen Not.

Und dann schreibt ihnen der Apostel Jakobus in einem Brief, aus dem wir eben die Lesung gehört haben: „Haltet geduldig aus bis zur Ankunft des Herrn. Geduld braucht ihr.“ Ausdauer braucht ihr, ihr braucht einen langen Atem.

 

So eine brennende Naherwartung gab es nicht nur bei den ersten Christen, die auf die Wiederkunft Christi warteten. So eine brennende Erwartung hat es in der Kirchengeschichte immer wieder gegeben.

Was hatten wir eine brennende Erwartung, als 1963 Papst Johannes XXIII das Konzil eröffnet hat. Wir haben damit gerechnet: Jetzt werden die Fenster und Türen der Kirche aufgerissen, und der ganze klerikale Mief, der sich angesammelt hatte, der wird weggeblasen.

Als dann 1975 das Heilige Jahr kam, was haben wir für eine große Erwartung gehabt. Ich kann mich noch erinnern, als ich 1973 Priester wurde, das war die Zeit, wo aus den USA die charismatische Bewegung in Deutschland Fuß fasste, wo wir alle vom Heiligen Geist eine Erneuerung der Kirche erwartet haben. Wir haben damit gerechnet, dass jetzt das Zeitalter des Heiligen Geistes anbricht. Und dann ging ein Jahr ins Land, dann gingen 10 Jahre ins Land, und noch einmal 10 Jahre und noch einmal 10 Jahre, und was ist daraus geworden? Manche, die damals voller Begeisterung waren, haben inzwischen resigniert, sind total enttäuscht.

Aber auch uns sagt der Apostel Jakobus in seinem Brief: Ihr habt eins vergessen: Ihr braucht einen langen Atem, ihr braucht Geduld. Gerade wenn wir mit dem Eingreifen Gottes heute rechnen und darauf warten, wir brauchen Geduld.

 

Und dann gebraucht Jakobus in seinem Brief ein ganz schlichtes Bild, das in unserem ländlichen Gegenden sehr sprechend ist. Er schreibt: „Auch der Bauer wartet auf die kostbar Frucht der Erde. er wartet geduldig.“

Wenn heute bei uns im Herbst ein Landwirt das Saatgut ausgestreut hat, die Gerste, den Weizen usw., dann kommt vielleicht im Januar ein starker Frost, und der Boden wird total hart. Und dann kommt noch eine Schneedecke darauf. Und wenn man mit der Landwirtschaft nicht vertraut ist, dann könnte man denken: Wie soll denn da etwas wachsen können, wo alles so zugefroren ist, wo alles so erstarrt ist im Boden? Aber jeder, der sich in der Landwirtschaft auskennt, weiß, dass das Saatgut diese Zeit der Stille braucht, wo scheinbar alles erstarrt ist, wo scheinbar nur noch Forst da ist.

Das ist auch ein Bild für die Kirche. Manchmal hat man den Eindruck, dass bei uns in der Kirche alles erstarrt ist. Es liegt wie eine gefrorene Erdkruste über allen Erneuerungsbewegungen in der Kirche. Aber der Bauer ist sicher, dass im Frühjahr die Sonne kommt und den Schnee wegtaut, und er weiß, dass dann die Saat anfängt zu wachsen und schließlich Frucht bringt. Das ist ganz sicher. Und darum brauche ich heute keine Angst zu haben, wenn der Frost kommt. Das ist in der Kirche genauso. Wir brauchen einen langen Atem.

Sehen Sie, ich habe über 30 Jahre lang das Wort Gottes gepredigt, und viele andere Verkündiger auch. Wenn wir nun heute erleben, dass eine Eiszeit in der Kirche da ist, dass alles erstarrt ist, mag sein. Aber ich bin ganz sicher: Es kommt die Zeit, wo die „Sonne der Gerechtigkeit“, wie wir manchmal singen, aufgeht. Und dann wird diese Saat des Wortes Gottes aufgehen, und sie wird Frucht bringen auch hier bei uns in der Kirche von heute. Ich weiß nicht, wann das sein wird. Aber ich bin sicher, dass es kommt. Und darum kann ich mit großer Geduld und mit langen Atem abwarten.

 

Der Apostel der Jakobus gebraucht noch ein zweites Bild in unserer Lesung. Er sagt: „Wenn es um das Thema Geduld geht, dann nehmt euch zum Vorbild die Propheten, die im Namen des Herrn gesprochen haben.“

Was waren das denn für Männer und Frauen im Alten Testament, etwa ein Prophet Jesaja, dessen Texte wir in der Adventszeit so oft lesen? Alle diese Propheten haben in ihrem Herzen eine Botschaft gehabt, und sie haben diese Botschaft in Treue ausgerichtet: Es wird einmal der Tag kommen, da werden sie die Schwerter umschmieden zu Pflugscharen, da wird man nicht mehr für den Krieg üben, das heißt: da wird es keine Manöver mehr geben. Da wird die Feindschaft in der Schöpfung ausgelöscht sein. Da wird ein Löwe mit einer Kuh spielen können; da wird ein kleines Kind die Hand in das Schlupfloch der Giftschlange stecken können. Und die Giftschlange wird nicht zubeißen. Alle diese Bilder bedeuten, dass es keine Feindschaft in der Schöpfung mehr geben wird.

Es wird einmal der Tag kommen! Das war die Botschaft, die Gott den Propheten ins Herz gelegt hatte. Die Propheten haben nicht erlebt, dass sich das erfüllte, aber sie haben in Treue diese Botschaft ausgerichtet. Und sie waren sich ganz sicher, dass dieser Tag kommt.

Über Jahrhunderte hinweg hat es in Israel, im Volk Gottes, Männer und Frauen gegeben, die diese Erwartung lebendig gehalten haben. Im Neuen Testament wird uns berichtet von zwei alten Menschen, Simeon und Hanna. Sie warteten auf den Trost Israels, sie warteten auf die Erlösung Jerusalems. Sie haben die Botschaft der Propheten lebendig gehalten. Sie haben nicht gesagt: „Jetzt sind schon 500, ja schon 800 Jahre vergangen, und es hat sich nichts getan.“ Sie wussten: Wenn Gott etwas zusagt, dann tut er es auch.

Und dann kommt das Große: Die Propheten konnten immer nur hinweisen: Es wird einmal der Tag kommen. Aber was keiner der Propheten sagen konnte, das war dem Engel vorbehalten, der in der Weihnachtsnacht vor Bethlehem verkündete: Heute, heute ist euch der Heiland geboren. Und wenn man dazu den greisen Simeon anschaut, der in seinem Herzen vom Heiligen Geist die Gewissheit hatte: „Du wirst es noch erleben!“ Was ist das für eine große Perspektive.

 

Wir haben heute noch den gleichen Gott; wir haben heute noch den Gott, der die Verheißungen gegeben hat, dass er seine Kirche zu einer neuen Blüte führen will. Aber, wie heißt es hier Jakobus: Geduld braucht hier! Ausdauer braucht ihr! Ihr braucht einen langen Atem, wo ihr diese Zusagen Gottes in eurem Herzen lebendig haltet.

 

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich 1984 Pfarrer wurde in einem kleinen Dorf hier am Niederrhein, wo sonntags 150 Menschen die heilige Messe besuchten. Da hat ein Mitbruder mir gesagt: „Du bist ja verrückt, dass du dir so viel Mühe machst mit der Predigtvorbereitung, wo doch nur 150 Leute sonntags zum Gottesdienst kommen.“ Er selbst riss aus einem Predigthandbuch eine Seite heraus und las die Predigt mehr oder weniger am Sonntag vor. Ich habe ihm damals geantwortet: „Wenn ich meine Predigt vorbereite, dann mach ich die Augen zu und sehe Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt, so dass die Leute sich bis draußen drängen.“ Da hat er mich ausgelacht. Das war 1984. Aber kurz darauf ist die Zeit gekommen, wo Menschen gefragt haben: „Können wir die Predigten nicht auf Kassette bekommen?“ Und dann sind seit 1984 über 250.000 Kassetten mit Predigten verkauft worden. Da ist die Botschaft in aller Welt hinausgegangen. Oder ich denke daran wie viele tausende oder sogar zigtausende Menschen über Radio Horeb diese Botschaft hören. Und ich bin ganz sicher: Wenn wir in Treue die Botschaft Gottes ausrichten, wenn wir andererseits die brennende Erwartung, diese Hoffnung im Herzen lebendig halten, dann werden wir erleben, dass Gott zu seinen Verheißungen steht. Und wir werden erleben, dass Gott Frucht wachsen lässt.

Ich weiß auch nicht, wann das sein wird. Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob ich selber es noch erleben werde. Aber eins weiß ich: Nach mir kommen Andere, die diese Hoffnung lebendig halten. Und irgendwann wird einmal der Tag kommen, wo es heißt: Heute, heute erfüllt Gott seine Verheißungen. Und ich treffe jetzt, in diesen Tagen, Vorbereitungen dafür, damit sich das realisieren kann hier in unserer Welt.

 

Advents ist die Zeit der Erwartung. Viele warten in diesen Tagen auf das Christkind, vielleicht auf Geschenke, vielleicht auf einen schönen Gottesdienst. Ich warte, ehrlich gesagt, nicht auf das Christkind. Ich warte darauf und sehne mich danach, das Eingreifen Gottes hier in dieser Welt zu erleben. Und ich freue mich über jeden noch so kleinen Spross, den man heute schon wachsen sehen kann.  Amen.

 

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Predigttext:      Mt 11,2-6

 

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder!

 

Johannes der Täufer war ein gewaltiger Prediger, der den Leuten mächtig ins Gewissen geredet hat. Vielleicht erinnern sie sich noch an das Evangelium vom letzten Sonntag, wie er den Leuten am Jordan zugerufen hat: „Ihr Schlangenbrut, wer hat euch eigentlich beigebracht, ihr könntet dem Zorngericht Gottes entgehen?“ Und Johannes der Täufer war auch ein Mann, der sich nicht gescheut hat, vor einen König Herodes hinzutreten und ihm zu ins Angesicht sagen: „Es ist dir nicht erlaubt, die Frau deines Bruders zur Ehefrau zu nehmen!“ Dafür ist Johannes der Täufer ins Gefängnis gegangen. Und dieser Mann, der in der Wüste, in der Weite zu Hause war, der sitzt jetzt im Gefängnis.

Und dann passiert das Eigenartige: Dieser Mann, der mit einer solchen Vollmacht aufgetreten war als Prediger, wird im Gefängnis auf einmal an seinem Glauben irre, und er fängt an zu zweifeln. Er war sich so sicher gewesen: Dieser Jesus von Nazareth ist der Messias, auf den wir Jahrhunderte gewartet haben. Er war sich so sicher gewesen, als er gesagt hat, er ist es, von dem ich gehört habe: „Auf wen du den Heiligen Geist kommen siehst, der ist der Messias.“ Und jetzt kommen ihm auf einmal Zweifel, ob er es wirklich ist. Oder habe ich mich vielleicht getäuscht? Johannes hatte damit gerechnet dass ein Messias kommt, der das göttliche Strafgericht über diese Welt bringt. „Er wird seine Tenne mit einem eisernen Besen auskehren.“ Und dann war dieser Jesus auf einmal so total anders, als Johannes sich das gedacht hatte. Johannes hatte gehört von der ersten Predigt, die Jesus gehalten hatte: „Der Geist des Herrn ruht auf mir“, hatte Jesus gesagt. „Er hat mich gesandt, den Armen die frohe Botschaft zu verkünden und den Gefangenen die Freiheit zu bringen.“ Und jetzt sitzt Johannes der Täufer selbst im Gefängnis und nichts passiert. Noch nicht einmal besucht hat er mich, seinen Boten. Und dann fängt es in ihm an zu bohren und zu fragen: „Bist du es der da kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten.“

Schwestern und Brüder, ich vermute, die meisten, die wirklich im Glauben stehen, werden irgendwann einmal an diesen Punkt kommen, wo alles fraglich wird, wo einem der ganze Kinderglaube auf einmal so überholt vorkommt. Ob das wirklich alles so stimmt mit dem Leben nach dem Tod! Ob man das einfach glauben darf, dass Jesus Wunder gewirkt hat. Ob das stimmt, dass die Bibel ‚Wort des lebendigen Gottes’ ist? Das kann doch jeder behaupten. Irgendwo wird jeder einmal an solche Fragen kommen. Warum ausgerechnet so viel Leid in unserer Familie, wo wir doch immer zu Jesus gestanden haben? Das kann eine bohrende Frage werden. Aber glaub mir, es sind die starken Männer und Frauen, die großen Gottesmänner und die großen Gottesfrauen, die solche Zweifel gehabt haben. Mose im Alten Testament wird an seiner Berufung irre. Er sieht seine ganze Unfähigkeit und sagt zu Gott: „Sende jeden aber nicht mich.“ Der Prophet Elia, einer der ganz Großen des Alten Testamentes, hat auf einmal die Nase voll. „Er rennt in die Wüste, legt sich unter einen Ginsterstrauch und wünscht sich den Tod. Ein Prophet Jona rennt weg vor dem Befehl Gottes, weil er Gott nicht mehr versteht. Ein Ijob wird nicht mit der Tatsache fertig, dass Gott ihn mit einer solchen Krankheit geschlagen hat; und er verflucht den Tag seiner Geburt. Und auch ein Petrus, als er am Feuer des Hohenpriesters sitzt, kann die Frage eines kleinen Dienstmädchens nicht aushalten: „Gehörst du nicht auch zu denen?“ Und er verleugnet seinen Herrn.

Es ist keine Schande wenn man Zweifel im Glauben bekommt; das haben die Großen alle gehabt. Wer nie Zweifel bekommt, vielleicht ist dessen Glaube auch nur recht oberflächlich. Aber wer in seinem Glauben verwurzelt ist, der wird immer wieder merken, dass die Stürme kommen und den Glauben angreifen. So war es auch bei diesem gewaltigen Prediger, Johannes dem Täufer. Aber an diesem Bußprediger, der auf einmal zweifelt, können wir auch ablesen, wie man damit umgeht, wenn plötzlich alles so fraglich wird. Was tut man dann? Ein paar ganz wichtige Schritte, die Johannes der Täufer uns vorgemacht hat.

Ein Erstes: Johannes geht nicht zu irgendwelchen Leuten und beschwert sich und sagt: „Wie kann Gott das alles zulassen?“ Oder fragt auch nicht die Menschen, ob er es wirklich ist, oder ob man auf einen anderen warten muss. Nein, Johannes der Täufer geht mit seinen bohrenden Fragen zu Jesus selber hin und fragt ihn direkt: „Bist du es ...?“ Und als er im Gefängnis sitzt und selber nicht gehen kann, da schickt er seine Jünger hin, aber er schickt sie zu Jesus: „Bist du es der da kommen soll?“ Ich möchte allen Mut machen die in solche Schwierigkeiten mit ihrem eigenen Glauben kommen. Geh mit diesen Schwierigkeiten zu Jesus und frage ihn selber. Und auf der anderen Seite: Manchmal kommen die Leute ja zu uns Priestern, wenn sie Probleme haben mit ihrem Glauben und wollen von uns Priestern einen Rat haben, eine Ermutigung. Und es ist gut, wenn man dann ein Wort der Ermutigung hat. Aber es ist noch besser, wenn ich dann mit dem Anderen zu Jesus gehe und mit ihm beten kann.

Johannes der Täufer, als er zu Jesus schickt mit seiner Frage, bekommt auch von Jesus eine Antwort. Und jeder der mit Glaubensschwierigkeiten zu Jesus kommt, mit seinen bohrenden Fragen, wird eine Antwort bekommen. Die Antwort sieht manchmal anders aus als wir uns das vorstellen, oder als wir uns das wünschen würden, aber du wirst eine Antwort bekommen. Als Johannes zu Jesus schickt, „Bist du es, der da kommen soll?“, da antwortet Jesus nicht einfach mit Ja, sondern er antwortet auf eine ganz andere Weise.

Und das ist das Zweite, was uns weiterhilft. Jesus sagt den Johannesjüngern: „Geht hin und berichtet Johannes, was ihr hört und seht.“ Was haben sie denn gesehen? Die haben gesehen, dass ein blinder Bartimäus geheilt worden ist, dass ein Taubstummer gesund geworden ist. Die haben miterlebt, dass ein Lazarus, der schon drei Tage im Grab gelegen hat, wieder auferstanden ist. Die haben die Bergpredigt gehört, wie Jesus den Armen das Heil zugesagt hat.

Und Jesus sagt ihnen: „Erzählt dem Johannes einfach, was ihr seht und hört: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein. Und als sie zu Johannes kommen und einfach nur erzählen, was sie gehört und gesehen haben, da geht dem Johannes auf einmal auf: Das sind nicht Theorien, das haben die erlebt, da sind sie dabei gewesen. Er merkt auf einmal: Alles, was dieser Jesus tut, ist die Erfüllung des Alten Testamentes, das, was der Prophet Jesaja angekündigt hat. Wir haben es noch eben in der Lesung gehört: „Dann werden die Augen der Blinden geöffnet, die Ohren der Tauben sind wieder offen, der Lahme springt wie ein Hirsch“, hatte Jesaja angekündigt. Das ist in Jesus Wirklichkeit geworden.

Und auch hier wieder ein Blick auf uns, in unseren Nöten und Schwierigkeiten. Fang dann doch wieder einfach an - Das hat mir sehr oft geholfen wenn die Fragen kommen -, fang doch wieder an, die Bibel zu lesen, die Taten und Worte Jesu in den Evangelien zu lesen, und du wirst merken: In dem Maße, in dem du dich damit beschäftigst, wird dein Glaube gestärkt werden. Und noch ein Zweites in diesem Zusammenhang. Wenn dein Glaube in die Krise kommt, dann nimm dir einmal eine stille Zeit und gehe einmal in deinem Leben zurück, und schau mal, ob du nicht in deinem eigenen Leben den roten Faden Gottes entdecken kannst? Wo du erlebt hast, dass Gott eingegriffen hat in deinem Leben. In dem Augenblick, wo du dich daran erinnerst, was Gott in deinem Leben getan hat, da wird dein Glaube gestärkt. Es lohnt sich.

Und schließlich ein Drittes. Auch Johannes der Täufer muss sich neu für Jesus entscheiden. Jesus sagt hier am Ende des Evangeliums: „Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.“ Sehen Sie, Hunderte vielleicht Tausende haben damals Anstoß genommen an Jesus und sind abgehauen. Und auch Johannes der Täufer steht vor der Frage: Soll ich aussteigen? Oder will ich diesem Jesus vertrauen, der so ganz anders ist, als ich gedacht habe? Ihm bleibt diese Glaubensentscheidung nicht erspart. Glauben ist nie etwas, wo man reinschliddert. Glaube ist eine Sache der Entscheidung und der Wahl, die ich treffe. Und auch Johannes der Täufer muss diese Entscheidung treffen. Er hatte sie früher schon einmal getroffen; aber er muss sie in dieser Krise neu treffen. Und das gilt für uns alle auch.

Und schließlich noch ein Letztes, nur so ein Anhang. Hier an diesem letzten Satz, „Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt“, da wird schlaglichtartig deutlich, wo der Unterschied liegt zwischen Johannes dem Täufer und Jesus. Sehen Sie, wenn Johannes der Täufer, der Bußprediger diesen Satz gesagt hätte, hätte er ihn wahrscheinlich ein bisschen anders formuliert. Dann hätte er gesagt: „Wehe, wenn ihr an Jesus Anstoß nehmt.“ Aber Jesus formuliert das anders; er sagt nicht ‚wehe!’ Jesus kleidet diesen Ruf zur Entscheidung nicht in einen Weheruf, sondern in eine Seligpreisung. „Selig, wer an mir keinen Anstoß nimmt.“ Es ist wunderbar, dass Jesus harte Wahrheiten und einen klaren Ruf für eine Entscheidung so sagen kann, dass sie noch mit einer Seligpreisung verbunden ist. Diesem Jesus will ich mich gerne anvertrauen.   Amen.

 

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