Pfarrer Karl Sendker

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Predigtverzeichnis  nach Bibelstellen geordnet

 

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unter dem Stichwort Kassettendienst .

Zeige uns Jesus  (Salve Regina)

"Es ist vollbracht"  -  Mit Maria unter dem Kreuz

 

Zeige uns Jesus    (Salve Regina)

 

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Es ist ungefähr 970 Jahre her, da sitzt abends ein junger Benediktinermönch in seiner Klosterzelle auf der Insel Reichenau im Bodensee auf seinem Nachtlager. Sein Name ist: Hermann von Altshausen. Sein Vater war Wolfrad von Altshausen, ein Graf aus Oberschwaben.

Dieser Hermann von Altshausen galt damals als einer der größten Gelehrten seiner Zeit. Er hatte eine Weltchronik verfasst, die von der Geburt Jesu bis in sein Todesjahr  reichte. Er hatte astronomische Studien betrieben. Dass wir heute noch die Stunde in 60 Minuten einteilen, geht auf ihn zurück. Er war ein bedeutender Musiker und hatte ein eigenes Notensystem erfunden. Er hatte viele Gebete und Liedtexte in seinem Kloster verfasst und auch oft die Melodien dazu komponiert.

Aber wenn jemand diesen Mönch Hermann sah, wäre er nie auf die Idee gekommen, dass der ein bedeutender Gelehrter wäre. Hermann von Altshausen war körperlich gesehen nur ein Häufchen Elend. Er war seit seiner Geburt spastisch gelähmt. Sein Rücken und seine Gliedmaße waren verkrümmt. Er konnte sich nicht allein von seinem Platz bewegen. So wie er einmal saß, musste er bleiben, bis jemand seine Position veränderte. Nur selten konnte er aus eigener Kraft essen, meist musste er gefüttert werden. Alle Körperpflege musste ihm jemand anderes verrichten. Gelegentlich, wenn ihn nicht schmerzhafte Krämpfe überkamen, konnte er mit Mühe schreiben. Aber lesen konnte ein Außenstehender sein Gekritzel kaum. Es war furchtbar mit anzusehen, wie er unter seinen körperlichen Gebrechen litt.

Aber die körperlichen Qualen waren nur das eine. Fast noch grausamer waren die seelischen Qualen, die vielen Demütigungen, die er von seinen Mitbrüdern im Kloster erfuhr. Sein Abt Berno hatte ihm wegen seiner körperlichen Gebrechen einige Vergünstigungen im Kloster gewährt. So musste er nicht auf einer harten Grasmatratze schlafen, sondern sein Lager war mit Polstern ausgelegt. Außerdem wurde ihm mit dem jungen Mönch Berthold ein Gehilfe an die Seite gegeben, der ständig zu seiner Verfügung war.

Solche Vergünstigungen haben ihm seine Mitbrüder geneidet. Sie haben ihn gedemütigt, wo immer sie konnten. Sie haben ihn beim Abt schlecht gemacht. Sie haben ihn schikaniert. Heute würde man vielleicht sagen: Mobbing in Hochform. Nur ein Beispiel dafür: An einem Sonnentag hatten sie ihn mit seinem Rollstuhl an den See gefahren, damit er ein wenig frische Luft tanken konnte. Als dann ein furchtbares Unwetter kam, haben sie (natürliche absichtlich) vergessen, ihn wieder herein zu holen. Er wurde bis auf die Haut nass und erlitt eine schlimme Lungenentzündung.

 

Jetzt sitzt Hermann abends auf seinem Lager. Wieder hatte man ihn tagsüber spüren lassen, dass er doch nur ein Häufchen Elend war. Er merkte wie die Krämpfe kamen. Es wusste: Jetzt gibt es eine lange Nacht, ohne Schlaf, voller Schmerzen. In seiner Hand hielt er einen Zettel. Darauf hatte er vor einigen Monaten mit zittriger Hand ein Gebet zur Gottesmutter geschrieben und auch eine Melodie dazu verfasst. Es war sein ureigenstes Gebet geworden. Wie oft hatte er in seinen Leiden mit diesem Gebet Trost gefunden, Maria erfahren als Trösterin der Betrübten. Er fing an, mit leiser Stimme sein Lied zu singen:

 

Salve, Regina,

mater misericordiae;

vita, dulcedo et spes nostra, salve

 

Wie oft hatte er mit diesem Lied Trost erfahren. Aber heute konnte er schon nach wenigen Worten nicht mehr weiter singen, weil die Krämpfe seine Zunge lähmten. Er schaute stumm auf den Zettel und betete lautlos das Gebet, sein Gebet:

 

Sei gegrüßt, o Königin,

Mutter der Barmherzigkeit;

unser Leben, unsere Wonne

und unsere Hoffnung, sei gegrüßt!

Zu dir rufen wir verbannte Kinder Evas;

zu dir seufzen wir trauernd und weinend in diesem Tal der Tränen.

Wohlan denn, unsere Fürsprecherin,

wende deine barmherzigen Augen uns zu

und nach diesem Elend zeige uns Jesus,

die gebenedeite Frucht deines Leibes!

O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria.

 

Immer wieder schaute er mit starrem Blick auf seinen Gebetszettel. Während er auf den Gebetszettel schaute, blieb sein Blick an einem Satz hängen: „Nach diesem Elend zeige uns Jesus.“ Immer wieder betete er diese drei Worte: Zeige uns Jesus! Am liebsten hätte er diese Worte heraus geschrien. Doch die Stimme versagte ihm. Aber es prägte sich ganz tief in seinem Herzen ein: Zeige uns Jesus.

 

Und dann, nach einiger Zeit, sieht er vor seinem inneren Auge Jesus, Jesus, wie er mit seinen Jüngern im Abendmahlssaal sitzt, wie er eine Schüssel nimmt und den Jünger die Füße wäscht. Er sieht, wie Jesus sich ganz tief erniedrigt, wie er sich demütigt und sogar dem Judas die Füße wäscht, obwohl er weiß, dass der ihn verraten wird.

Und Hermann spürt in seinem Herzen einen tiefen Frieden. Nach und nach sind alle Demütigungen seitens seiner Mitbrüder vergessen. Er schläft in tiefem Frieden ein mit dem Gebet: Zeige uns Jesus.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Wenn Sie zum Wallfahrtsort kommen und zum Gnadenbild gehen, oder wenn Sie irgendeine Mariendarstellung anschauen, was macht denn Maria? Sie zeigt uns Jesus. Ganz gleich, mit welchen Sorgen und Nöten wir zum Gnadenbild kommen, Maria zeigt uns Jesus.

 

Vielleicht sind Eltern oder Großeltern hier, die Sorge haben um ihre Kinder oder Enkel. Die gehen vielleicht Wege, die man gar nicht verstehen und schon gar nicht mit verantworten kann. Wenn Du dann am Gnadenbild betest: Zeige uns Jesus, dann wird Maria Dir vielleicht Jesus zeigen, wie er als Zwölfjähriger im Tempel geblieben ist. Maria und Josef haben ihn mit Schmerzen gesucht. Und sie haben ihn auch nicht verstanden.

 

Vielleicht sind Mensch hier, bei denen die Stürme des Lebens toben. Du hast vielleicht den Eindruck, dass alles wie eine große Wasserflut über Deinem Kopf zusammenschlägt: Die Sorge um den Arbeitsplatz, die Sorge mit der Finanzkrise, mit der Krise in der Landwirtschaft … Wenn du dann zur Gottesmutter kommst: Zeige uns Jesus, dann wird sie dir vielleicht Jesus zeigen, wie er mitten im Sturm im Boot steht, das von Wellen hin und her geworfen wird. Und er gebietet dem Sturm: „Schweig, sei still!“

 

Vielleicht bist Du von einem anderen Menschen tief enttäuscht worden. Du hast ihm Dein ganzes Vertrauen geschenkt. Du hast gedacht, dass er Dein Freund ist. Und dann hat er Dich im Stich gelassen; er hat dein Vertrauen missbraucht. Und jetzt ist Dir fast der Boden unter den Füßen weggezogen. Aber Du betest zu Maria: Zeige uns Jesus. Vielleicht zeigt Dir Maria jetzt Jesus, wie er von einem seiner engsten Jünger mit einem Kuss verraten wurde.

 

Vielleicht sind Menschen hier, die Angst vor dem Sterben haben und vor den Schmerzen und Leiden, die möglicherweise damit verbunden sind. Du darfst beten: Zeige uns Jesus. Maria wird Dir Jesus zeigen, wie er am Ölberg den Todeskampf gekämpft hat, wie sein Schweiß zu Blutstropfen wurde, wie aber auch Engel kamen und ihn stärkten.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Hermann von Altshausen kennt heute wohl kaum noch jemand. Aber sein Lied, das „Salve Regina“ wird bis heute an jedem Tag gesungen, von Ordensleute, von Priestern, von vielen Christen, meist zum Abschluss der letzten Gebetszeit eines Tages. Und sein Gebet, das diesem Lied zugrunde liegt: „Sei gegrüßt, o Königin …“ das ist in den Herzen ganz vieler Christen tief verwurzelt.

 

Ganz gleich, in welcher Situation Du bist. Geh zum Gnadenbild der Gottesmutter. Schau Dir Maria an. Und dann bete vielleicht:

„Sei gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit. Unser Leben, unsere Wonne und unsere Hoffnung sei gegrüßt.“

Aber Du darfst auch beten: „Zeige uns Jesus!“   Amen.

 

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„Es ist vollbracht!“

 

Mit Maria unter dem Kreuz

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Maria steht unter dem Kreuz. Sie, die Schmerzensmutter, muss miterleben, wie ihr eigener Sohn drei Stunden lang am Kreuz verblutet. Da erfüllt sich im Tiefsten, was der greise Simeon ihr bei der Darstellung im Tempel gesagt hatte: „Deine Seele wird ein Schwert durchdringen.“ Sie steht unter dem Kreuz und hört, wie Jesus als letztes vom Kreuz herab ruft: „Es ist vollbracht!“

 

Maria ist nicht die einzige, die unter dem Kreuz ist. Da sind Viele versammelt.

Da ist eine Gruppe von Frauen, die Jesus von Galiläa her nachgefolgt waren, die zu den Jüngerinnen gehörten, die ihn unterstützt hatten mit ihrem Vermögen. Die standen nie im Mittelpunkt, sie waren immer einfach nur dabei. Auch jetzt stehen sie nicht direkt unter dem Kreuz, sie stehen abseits und weinen.

Dann sind da unter dem Kreuz die römischen Soldaten, total gelangweilt und gleichgültig. Was interessierte die schon ein Gekreuzigter. Kreuzigungen waren damals an der Tagesordnung. Das war für die Soldaten Alltagsgeschäft. Sie hatten hunderte von Kreuzigungen erlebt. Jetzt sitzen sie da unter dem Kreuz und würfeln um das Gewand des Gekreuzigten.

Dann ist da unter dem Kreuz die johlende, spottende Menge: „Wenn du wirklich der Sohn Gottes bist, dann steig doch herab vom Kreuz. Dann wollen wir dir schon glauben“, haben sie voller Häme gerufen. „Anderen hast du geholfen. Jetzt hilf dir selbst“.

Alle diese Menschen stehen unter dem Kreuz. Und alle hören das letzte Wort Jesu: „Es ist vollbracht.

 

Dieses letzte Wort Jesus „Es ist vollbracht!“ ist nicht ein Schrei der Verzweiflung: Gott sei Dank, dass jetzt alles vorbei ist. Nein, es ist ein Ruf des Triumphes. „Das Werk der Erlösung, das der Vater mir aufgetragen hat, ist komplett vollbracht.“ Hinter diesem Ruf leuchtet schon das Osterfest auf.

 

Dieses Wort ruft Jesus über die spottende Menge, die da unter dem Kreuz voller Häme zu ihm aufschauen. Und er ruft dieses Wort „Es ist vollbracht!“ auch über allen Spott, der heute über die Kirche und über Gott ausgegossen wird. Dieser Ruf bedeutet dann: Die vergebende Liebe Gottes triumphiert über allen Spott, über allen Hass und über alle Häme der Welt. „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“

 

Das Wort „Es ist vollbracht!“ ruft Jesus über die Soldaten, die da gelangweilt unter dem Kreuz sitzen. Und er ruft es auch über alle Menschen, die heute gelangweilt an Gott vorbeigehen, denen Gott vollkommen egal ist. Was brauchen wir schon einen Erlöser? Aber dieser Ruf Jesu hat auch für solche Menschen erlösende, verwandelnde Kraft. Das wird unter dem Kreuz dadurch deutlich, dass am Ende der römische Hauptmann, ein Heide, bekennt:  „Wahrhaftig, dieser ist Gottes Sohn.“

 

„Es ist vollbracht!“, das ruft Jesus auch den weinenden Frauen zu, die da abseits stehen. Für sie bedeutet dieses erlösende Wort: „Eure Trauer wird sich in Freude verwandeln. Was ich im Abendmahlsaal gesagt habe, dass wird Wirklichkeit werden: „Ihr habt jetzt Traurigkeit. Aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz wird sich freuen. Und diese Freude wird niemand von euch nehmen.“ Am Ostermorgen sind diese Frauen die ersten, die von den Engeln die Botschaft von der Auferstehung erfahren.

 

Aber da fehlen unter dem Kreuz auch Menschen, die wir eigentlich erwarten würden, die Apostel. Die waren alle abgehauen. Außer Johannes war keiner dabei. Sie hatten eine große Klappe gehabt. Petrus hat Jesus dreimal mit einem Schwur verleugnet. Und jetzt war keiner dabei. Aber auch ihnen gilt das Wort Jesu: „Es ist vollbracht!“ Es gilt für alle Menschen, die ihn verleugnet haben, die ihn verraten haben, die einmal einen Weg mit ihm angefangen haben, und die dann nicht durchgehalten haben, die abgehauen sind. Der Ruf Jesu bedeutet für sie: „Wenn ihr untreu werdet, dann bleibe ich treu. Als der Auferstandene ihnen Ostern begegnet, da hat er für sie keinen Vorwurf, keinen Tadel, nur: „Schalom! Friede sei mit euch.“ Und am Ende er sagt dem Petrus: „Weide meine Schafe.“

 

Und dann steht da Maria, die Mutter Jesu. Auch sie darf dir erlösende Kraft dieses Wortes erfahren. „Es ist vollbracht!“ In diesem Augenblick wird aus der Schmerzensmutter die Trösterin der Betrübten, als die wir sie in Kevelaer anrufen. Wirklich trösten kann nur, wer selbst von Gott getröstet worden ist, wer erfahrenes Leid hat in Liebe verwandeln lassen,. Diesen göttlichen Trost darf Maria als die Trösterin der Betrübten weitergeben an uns.  

 

Und dann ist da schließlich noch jemand. Nicht unter dem Kreuz, sondern neben Jesus am Kreuz hängend. Ein Verbrecher, der nichts wieder gutmachen kann. Der wendet sich in der letzten Stunde seines Lebens so unbeholfen, wie es nur geht, an Jesus: „Herr, denk an mich, wenn du mit deiner Königsherrschaft kommst.“ Und auch ihm gilt der erlösende Ruf Jesu: „Es ist vollbracht!“ Jesus sagt ihm: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

 

Ich oft darüber nachgedacht, wieso Jesus sagt: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“? Warum sagt er nicht: „Heute wirst du mit mir im Himmelreich sein“? Warum ausgerechnet im Paradies?

Da müssen wir einen ganz großen Bogen schlagen. Am Anfang der Bibel, in dem großen Schöpfungslied hatte Gott die Schöpfung angeschaut, alles was er vollbracht hatte. Und er hat über diese Schöpfung gesagt: „Siehe, es ist sehr gut.“ Das Werk der Schöpfung war vollbracht, und es war sehr gut. Diese Aussage Gottes: „Siehe, es war sehr gut“, die hat nicht lange gehalten. Durch die Sünde war ein Riss durch die Schöpfung gegangen. Aber jetzt am Kreuz ist gleichsam ein Werk der Neuschöpfung vollbracht. Daran erinnert das Wort Jesus am Kreuz. „Es ist vollbracht!“ Und wenn der Schächer wenige Augenblicke später vor dem Richterstuhl Gottes steht, dann schaut Gott das ganze verkorkste Leben dieses Verbrechers an. Aber dann hört er gleichzeitig den Ruf seines Sohnes: „Es ist vollbracht!“ Die Erlösung ist vollbracht. Und dann schreibt er über das Leben dieses Verbrechers: „Siehe, es ist sehr gut.“ Jesus hat eine komplette Erlösung vollbracht auch für diesen Menschen.

 

Wenn Du möchtest, dass Gott über Dein Leben einmal schreibt: „Es ist sehr gut!“, dann geh zu dem Mann mit der Dornenkrone. Lass Dich von Maria, der Trösterin der Betrübten, unter das Kreuz führen. Schau auf zu IHM, dem Gekreuzigten. Und dann höre, wie er auch über Dich sagt: „Es ist vollbracht!“ Da ist nichts mehr zu vollbringen, es ist vollbracht. Ich habe dich erlöst, ich habe es vollbracht. Amen.

 

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